Das Literarische Bautagebuch

Reiner Nagel. Copyright: Till Budde für die Bundesstiftung Baukultur

Ein Statement für die Baukultur

Baukultur ist das reflektierte Planen und Bauen, mit dem Ziel eine Umwelt zu schaffen, die als lebenswert empfunden wird. Sie hat neben sozialen, ökologischen und ökonomischen Bezügen eine emotionale und ästhetische Dimension. Ihre Herstellung, Aneignung und Nutzung ist ein gesellschaftlicher Prozess, der auf einer breiten Verständigung über qualitative Werte und Ziele beruht.

Die Themen der Baukultur reichen vom öffentlichen Raum über den Neubau bis zum Denkmalschutz, zum Bestandserhalt und zu einer neuen Umbaukultur. Für uns alle ist die Gestaltqualität von Bauwerken und öffentlichen Räumen in einer Gesellschaft, die sich immer weiter individualisiert, entscheidend dafür, ob wir uns in der gebauten Umwelt wohl fühlen. Ortsbildprägende und oft lieb gewonnene Bauwerke ermöglichen uns Orientierung, auch in unserem Zusammenleben. Öffentliche Räume schaffen Platz für Begegnungen und soziales Miteinander. Sie müssen frei nach Vitruv gut funktionieren, klug gebaut und harmonisch proportioniert sein. Das kann nur als gemeinsames Vorhaben gelingen, bei dem alle für Architektur, Garten- und Ingenieurbaukunst zuständigen und aktiven Kräfte konstruktiv miteinander arbeiten. Denkmale, Bestandsgebäude und Infrastrukturen prägen nicht nur den Charakter unsere Städte und Dörfer. Sie werden zunehmend als stoffliche Ressource und sogenannte Graue Energie, der in ihren Baustoffen gebundene Emissionen gesehen. Ein bestandsbezogener Umbau stärkt deshalb das Ortsbild und vermeidet zusätzliche Emissionen von Ersatzneubauten. Auf dem Weg zu einer neuen Umbaukultur geben wir deshalb der Grauen Energie eine neue Chance und erkennen sie als Goldene Energie. Das sind Eigenart, Charakter und Potential des Bestands, die wir in die Zukunft führen können. 

Hierfür braucht es ein Bewusstsein und eine Sprachfähigkeit für Baukultur: Räume prägen Menschen – Menschen prägen Räume. Dieser immerwährende baukulturelle Kreislauf beginnt schon in der Kindheit und wird bei den Akteurinnen und Akteuren der Baukultur zur häufig leidenschaftlichen Profession. Die Wahrnehmungs- und Handlungsfähigkeit für unsere gebaute Umwelt durch baukulturelle Bildung zu fördern ist deshalb ein zentrales Anliegen der Bundesstiftung Baukultur. Denn auf erfolgreiche baukulturelle Vermittlung folgt ein verantwortungsbewusstes Mitgestalten unserer Lebensräume – beim Denkmal, im Bestand und im Neubau.

Reiner Nagel

ist Architekt und Stadtplaner. Seit 2013 ist der der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur in Potsdam.

© Till Budde für die Bundesstiftung Baukultur